13. Juli 2010: Mein Südafrika von A-Z

Drei Wochen Südafrika sind eine lange Zeit, eine Zeit, in der man viel über das Land erfährt, viele Dinge anfängt zu mögen oder sich über Dinge zu ärgern. Eine kleine Zusammenfassung dessen, was den Aufenhalt hier prägt, findet ihr in meinem ganz eigenen Südafrika-Alphabet:

Ayoba- umgangssprachlicher Ausdruck der Begeisterung. Ayoba, Ayoba, Ayoba- jeder sagt, nein ruft es hier ständig, mit einer ganz beschwingten Betonung. Zu Recht. Weil hier wirklich alle begeistert sind. AYOBA!

Black Cab- die Minibustaxen, die von schwarzen Südafrikanern gefahren werden, sind DAS Transportmittel schlechthin. Eine Fahrt ist allerdings ein Abenteuer: Die Minibusse sind mehr als vollbesetzt, die Fahrer heizen mit maximaler Geschwindigkeit, gebremst wird überraschend und abrupt- wenn überhaupt.

Campeónes- spanisch für Champions, ganz laut gesungen von den Fans der Spanier, der Argentinier und der Uruguayer. Recht behalten haben am Ende nur die spanischen Anhänger. Ein richtiger Ohrwurm.

Discount- “I’ll give you a discount”- heißt so viel wie: “Ich gebe dir Rabatt”. Preise jeglicher Waren sind hier eigentlich nichts als Makulatur. Die Händler geben ohnehin einen “Discount” und der letztendliche Preis hat oft rein gar nichts mehr mit dem ausgezeichneten Preis zu tun. Aber Achtung: Manche Händler sind so verzweifelt, dass man so weit handeln kann, dass sie ihre Sachen unter Wert verkaufen. Ausbeuten sollte hier niemanden, zumal alle Preise für uns ohnehin recht niedrig sind.

Entfernung- Ach, der Pub ist nur drei Minuten von hier entfernt. Dieses Versprechen entpuppte sich allerhöchstens als guter Witz. Denn zum Einen sind hier immer Autofahrtminuten und NIE Minuten zu Fuß gemeint, zum Anderen waren es auch mit dem Auto gute zehn Minuten. Südafrikaner stören sich nicht an Entfernungen, sie empfinden sie auch gar nicht als solche, was auch der Satz unserer letzten B&B-Besitzerin beweist: “WIr sind total zentral gelegen. Bis zur Soccer City sind es nur 15 Kilometer und auch nach Sandton fährt man nur eine halbe Stunde.”

Fahnen und Flaggen- überall hängen sie. Ob an privaten Häusern, an Restaurants, an Hotels, an Laternenpfosten, einfach überall. Ein Fahnenmeer in Südafrika. Dabei hängen sogar die Flaggen einiger Länder, die sich gar nicht für die WM qualifiziert hatten. Aber wen störts. Bunt muss es sein.
Geduld- Grundvoraussetzung, um den Aufenthalt hier genießen zu können. Einerseits, weil sich die Menschen hier mit allem Zeit lassen, andererseits weil die Menschen hier einfach anders denken. Total kompliziert und oft nicht zielorientiert- sie verstehen uns einfach nicht. Wie sagte eine genervte Bekannte letztens: “Südafrika ist das Land der Nicht-Checker”.

How are you?- Dieser Satz geht jeder Konversation voraus. Wirklich jeder. Manchmal sagen ihn sogar Menschen, die einfach auf der Straße an einem vorbei gehen. Es muss eine Antwort, sowie die Gegenfrage folgen, ehe man zum Kern des Gesprächs kommt. Soviel Zeit muss hier- na klar- sein.

Instructions, Anweisungen. Werden hier zwar von Polizisten, Volunteers, Stewards und sonstigen Autoritäten gegeben, sind aber wertlos. Denn hier hat niemand eine Ahnung, wo was ist, wo es woher geht, was man darf, was man nicht darf, wann man wo sein muss oder ähnliches. Es gibt hier einfach gar niemanden, auf den man sich verlassen kann. Außer auf sich selbst.

Just now- heißt soviel wie: “In etwa einer Stunde- oder so oder vielleicht auch gar nicht”. Variation: now now- steht auch keineswegs für ein nachdrückliches “jetzt” sondern eben vielmehr für eine absolut unbestimmte Zeitangabe. Man verabredet sich hier auch nicht für eine gewisse Uhrzeit, denn ob eine Stunde früher oder später…- wer könnte das schon so genau planen.

Khedira- Thorsten hatte schon vor dem Englandspiel so ein Gefühl. Khedira sagte er, Khedria würde irgendwie den Ausschlag geben. Doch nichts passierte. Gegen Argentinien- wieder nichts. Doch dann. Thorsten (alias Paul?) hatte Recht. Gegen Spanien verlor Khedira den entscheidenden Zweikampf der zum Gegentor führte, gegen Uruguay gelang ihm das Siegtor.

Linksverkehr- zu Fuß ein größeres Problem als im Auto. Denn irgendwie verliert man beim Überqueren der Straßen ganz schön die Orientierung, woher die Autos denn jetzt kommen. Man schaut einfach grundsätzlich in die falsche Richtung. Doppelt fatal, da die Autofahrer hier nicht für Fußgänger (auch nicht für sonst irgendwen oder irgendetwas) bremsen.

Mitleid- davon bekommt man als Deutscher viel zu viel. Es ist wirklich nett gemeint, aber Mitleid ist bekanntlich das Letzte, was man möchte. Lieber hätte man sich Neid erarbeitet, als das Mitleid geschenkt zu bekommen. Das Halbfinal-Aus hat uns wirklich niemand gegönnt. Das ist toll! Aber ständig daran erinnert zu werden und dann noch auf so eine mitfühlende Art und Weise- nein, bitte nicht!

Navigationssystem- ohne gehts nicht, mit verrückterweise aber auch nicht sonderlich gut. Unser Navigationssystem war auf Englisch eingestellt, sprach aber dennoch irgendeine Mischung aus Niederländisch, Englisch, Deutsch (…). Nach einigen Tagen haben wir uns einigermaßen an Simons Ausdrucksweise gewöhnt: “Biegen ze rekts in”. “Feren ze in den leberkauer”. “in drihundert metern feren ze greydaus.”

Open Happiness- Coca Colas Werbeslogan für die FIFA WM 2010. Und Coca Cola hat hier die absolute Macht. Überall sind Werbeaktionen, überall hängen Banner, manche Wände sind sogar ganz im Coca-Cola-Style gestrichen. Das Gute daran: Es hat uns den Song “Wavin Flag” gebracht und dieser Song bringt wirklich “Open Happiness”!

Parkwächter- eine wahnsinnige Spezies. Überall sind sie und hoffen auf Trinkgeld. Ganz getreu dem Motto: “Danke für Nichts.” Denn sie stehen teilweise an vollkommen leeren Parkplätzen, winken aber total hektisch, um einen einzuweisen. Naja- wenn nebeneinander vier oder fünf freie Parkplätze sind, dann kann ja sogar ich ohne Hilfe ein- und ausparken! Aber nein, der Parkplatzwächter geht lieber auf Nummer sicher und dirigiert einen sicher aus der Parklücke heraus. Auch wenn man das einzige Auto auf dem Parkplatz ist. Noch lustiger wird es übrigens, wenn drei, vier oder fünf Parkwächter am Werk sind. SIe stürzen sich von jeder Seite an das Auto heran und fuchteln herum, als gehe es um Leben oder Tod.

Qual- und zwar die Qual der Wahl. Ob auf Märkten, in Shopping Malls oder Straßenständen, überall kann man afrikanisches Kunst- und Handwerk kaufen. Von Schmuck (da gilt die Qual der Wahl für mich besonders) bis hin zu Dekoartikeln, Schnitzereien, Bildern, Vasen, Schalen… die Auswahl ist einfach nur riesig. Besonders die Kunst, Dinge mit Perlen zu verzieren oder sie gar aus Perlen und Draht herzustellen ist typisch, beeindruckend und wunderschön.

Robot- südafrikanischer Ausdruck für Ampel. Und davon gibt es verdammt viele, alle hundert Meter mindestens eine. Eine Grüne Welle kennt man hier aber natürlich nicht… Interessant für uns: Die Ampel steht zumeist HINTER der Kreuzung, nicht davor. Man muss sich also erstmal orientieren, welche Ampel für einen gilt. Zudem ist die Grünphase auf einige Sekunden beschränkt, Rot leuchtet hingegen minutenlang. Eine mögliche Erklärung, die wir öfters gehört haben: Die Südafrikaner fahren ohnehin auch noch bei Rot. Also macht man die Ampel lieber schneller auf rot, da sonst die Autos gar nicht zum Halten kommen.

Sturrheit- am Ende musst du einfach machen, was du willst. Bei aller Liebe zu den Menschen hier- die Denkweise ist eben eine von uns deutlich unterschiedliche. Diskutieren ist nicht ergiebig, weil die Leute nicht disktuieren können, zumindest nicht so, wie wir es gern hätten. Sie sagen ihre Meinung und beharren darauf. Aus Respekt muss man dennoch versuchen, einen Kompromis zu finden. Aber nicht zu lange. Am Ende muss man genauso stur sein und einfach machen, was man von vornherein vor hatte.

Tschööörmanie- so wird einem hinterher gerufen, wenn man sich als Deutsche zu erkennen gibt. Teilweise wird man so angesprochen, quasi als Namensersatz. Zurzeit ein absolutes Kompliment, die Menschen halten sehr viel von diesem Land namens “Tschööörmanie”. Die Aussprache ist einfach köstlich und die Begeisterung mit welcher die Menschen es sagen, ist noch besser.

Umgang- wie schon unter “how are you” erklärt, spielt der Umgang miteinander eine große Rolle, man ist hier nett, ganz gleich, wie genervt man ist (na gut, das gelingt uns nicht immer, aber wir versuchen unser Bestes, auch im Stress). DAS Wort daher: Pleasure. Heißt in etwa soviel wie: “Mit Vernügen”. “Pleasure” wird auf jedes “Thank You” erwidert. Und immer hat man das Gefühl, dass die lächelnden Menschen diese Worte nicht nur als Floskel nutzen, sondern wirklich so meinen. Bewundernswert.

V ibe- eines DER Wörter in Südafrika. Stimmung, Atmosphäre, Feeling- das gewisse Etwas eben, das nennt man hier “Vibe”. Und den kann man nicht beschreiben, aber dafür überall fühlen.

Waka Waka- überall wird er gesungen und vor allem getanzt, der Shakira-Hit. Dieser Song ist ein ständiger Begleiter und Ausdruck der Begeisterung. Sobald “Waka Waka” ertönt, hält das Leben an. Man wippt mit, man tanzt, man singt, alle zusammen. Absoluter Stimmungsmacher.

Xhosa- eine der insgesamt 11 offziellen Sprachen Südafrikas. Das hat zur Folge, dass unser Englisch so manches Mal besser oder jedenfalls verständlicher ist, als das mancher Südafrikaner, was die Kommunikation wirklich erschweren kann.

Yes- wird hier auch von englischsprachigen Südafrikanern ausgesprochen wie eine Mischung aus “Jaa” und “Joo”. Das lange “a” wird ganz hinten im Hals produziert und wird tief ausgesprochen. Sehr auffällig, sehr charakteristisch und lustig zum Nachahmen auf langen Autofahrten.

Zeit- ein Schlüsselbegriff. Wie schon einige Male angerissen: Zeitvorgaben, Zeitdruck- alles Fremdwörter für Südafrikaner. Das stört uns oft, das bereitet uns oft Probleme, Ärger und Stress. Aber es hat auch etwas positives. Die Südafrikaner wissen Zeit nämlich sehr zu schätzen und vor allem zu nutzen. Nicht so zu nutzen, wie wir sie nutzen würden. Aber vielleicht nutzen sie sie sogar wertvoller. Sie nehmen sich Zeit für alles, was sie glücklich macht. . Die Zeit schränkt einen nicht ein, sie macht keine Vorgaben; Zeit verstreicht einfach, aber ohne Konsequenz. Einige Male konnten wir dieses südafrikanische Zeitverständnis annehmen- und haben es sehr genossen.

 

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3 Antworten zu “Mein Südafrika von A-Z”

  1. Renia sagt:

    Liebe ANUSCHA,
    Deine Beobachtungsgabe, Deine Ehrlichkeit, Deine kritische Sicht – alles, alles fasziniert.
    Liebe Grüße

  2. Christl sagt:

    Ich muss sagen ich bin traurig das die WM schon vorbei is, da ich mich jeden Tag über neue WM-Berichte in diesem Blog gefreut hab :-/

  3. Great idea, but will this work over the long run?

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